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NEO-ÖKOLOGIE

NACHHALTIGKEIT MUSS STANDARD SEIN

Bio-Markt, neue Plastikverordnung, E-Mobilität oder energieeffizienter Gebäudebestand: Nachhaltigkeit reicht in alle Märkte und alle Bereiche unseres Alltags. Auch in der Baubranche ist das Thema präsent – und bestenfalls schon Standard. Dabei geht es längst nicht mehr nur um schöne „Bio“-Etiketten, Emissionsangaben oder FSC-Siegel. Sondern um eine komplette Neuausrichtung unserer Werte.

Kaum ein Trend wird so heftig diskutiert wie das Thema Ökologie. Denn auch wenn mittlerweile dem letzten Konsumenten, Hersteller und Politiker bewusst wird, dass es keine Alternative zum kollektiven Umdenken Richtung ressourceneffizientem und nachhaltigem Wirtschaften gibt: Die Thematik bleibt komplex. Fragezeichen inklusive.

Die Kernfrage dreht sich dabei um Lösungen, wie wir heute und in Zukunft nachhaltig wirtschaften können, ohne an Wohlstand einzubüßen und ohne die Erde, auf der wir leben, weiter zu kannibalisieren. Dieser Ansatz hat übrigens einen Namen: Mit „Neo-Ökologie“ wirft der Geschäftsführer des Zukunftsinstituts Matthias Horx eine – für manchen vielleicht sperrige – Wortschöpfung in den Ring, in dem nachhaltiges Denken und Handeln mit dem Status quo um die Zukunft rangeln.

Neuer Name für ein altes Thema

Ressourcenknappheit, Klimaschutz und ökologisches Bewusstsein sind im Jahr 2020 keine Nischenthemen mehr. Sie sind Mainstream. Ob man das nun „Neo-Ökologie“ nennen muss, sei einmal dahingestellt. Fakt ist: Nur wer nachhaltig wirtschaftet, wird dauerhaft Erträge ernten können. Das wusste übrigens schon der Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz, der 1713 den Nachhaltigkeitsbegriff erstmals in seinem um-fassenden Werk zu ganzheitlicher Forstwirtschaft prägte. Allerdings brauchte es nahezu drei Jahrhunderte, bis die Formel wieder Raum in unserem kollektiven Bewusstsein einnehmen konnte.

„Es war nie mehr Ökologie als heute.“
Rolf Mauer für architekturzeitung.com im Februar 2018

Im Prinzip sprechen wir also von gar keinem neuen Phänomen, wenn wir über Nachhaltigkeit reden. Es war nur nie zuvor so brisant wie heute. Ob Energie, Automobilindustrie, Lebensmittel, Kleidung oder Kosmetika – immer mehr Industriezweige werden (zwangsläufig) grün, das ist auch ein Politikum. So fördert die Bundesregierung Innovationen hinsichtlich technischer Produkte ebenso wie Maßnahmen zur dezentralen Energieversorgung wie Smart Grids oder Smart Buildings. Zudem schreibt sie Energiekennwerte für Neubau und Bestand vor.

Abfall und Abbruch werden zur Ware, nicht zu Müll. © Adobe Stock

Ökologie und Bauwirtschaft: Wie sieht die Praxis aus?

Bricht man die Idee hinter dem Ausdruck „Neo-Ökologie“ auf eine einfache Formel herunter, könnte sie lauten „Verbrauch = Ressource“. Schließlich liegt die Herausforderung darin, aus-schließlich das zu verbrauchen, was wir auch nachwachsen lassen. Technologien und nachhaltige Materialien und Bauprodukte zu entwickeln, die künftige Generationen als Rohstoff nutzen können, anstatt sie lediglich zu verbrauchen. In der Konsequenz könnte das beispielsweise bedeuten, Gebäude nicht mehr abzureißen, um sie klassisch zu entsorgen, sondern alte Bauten als Wertstoff dem Wirtschaftskreislauf zurückzuführen.

Vielen Planern, Ingenieuren und Bau-Profis ist dieser Ansatz bereits als Kreislaufwirtschaft geläufig, die sich am Prinzip des „Cradle-to-cradle“ orientiert, was so viel bedeutet wie „vom Ur-sprung zum Ursprung“ oder „vom Produkt zum Produkt“. Baustoffe sollen entweder biologisch abbaubar sein oder so recycelt werden, dass sie immer wieder verwendet werden können. Der Anfang ist bereits gemacht: Erste Hersteller, etwa von Verbundbaustoffen, haben ihre Produktionsprozesse so umgestellt, dass die Einzelbestandteile einfach getrennt werden können. Auch sind viele Baustoffe zunehmend materialhomogen, so dass sie nicht mehr aufwändig in Einzelbestandteile zerlegt werden müssen. Installationen wiederum werden bereits häufig in Hohlräumen verlegt: Dass sie weder verputzt noch verklebt werden müssen, macht sie trenn- und wiederverwertbar.

Upcycling ist das neue Recycling

Wiederverwertbarkeit ist ein wesentlicher Aspekt beim „Produkt zu Produkt“-Ansatz, der sich zunehmend etabliert, weil er für eine höhere Ressourceneffizienz sorgen kann. Gleichzeitig ist Abfallvermeidung durch Abfallverwertung innovativer Produkte, die in biologischen wie technischen Kreisläufen zirkulieren können, hochprofitabel. Einmal abgesehen von den positiven Effekten auf Umwelt und Gesundheit. Schon heute steigt die Nachfrage nach Baustoffen aus Upcycling-Materialien spürbar, deren Bereitstellung für Entsorgungsbetriebe ein wertvolles Geschäftsfeld darstellt. Als eine konsequente Weiterentwicklung des Recyclings steht das Upcycling zwar im Fokus vieler Industrien, für die Bauindustrie ist sie jedoch besonders interessant. Das ist naheliegend, bedenkt man, dass Bau- und Abbruchabfälle am gesamten Abfallaufkommen in Deutschland den mit Abstand größten Anteil haben.

Weitere Herausforderungen der Neo-Ökologie

Nachhaltig planen und bauen hat auch wesentlich mit sinnvollen Lösungen zur Energieeffizienz zu tun. Speziell der Gebäudebestand muss effizienter werden. Schließlich verbrauchen Städte weltweit etwa 80 Prozent der Gesamtenergie. Allein in Deutschland sind 70 Prozent des Gebäudebestandes – nämlich jene Gebäude, die zwischen 1950 und 1980 gebaut wurden – wahre Energiefresser. Zukünftig, so die große wie spannende Herausforderung, müssen Gebäude so konzipiert sein, dass sie sich auch zukünftigen Entwicklungen, Prozessen und Anforderungen anpassen lassen. Das Niedrigenergiegebäude markiert vor diesem Hintergrund seit 2019 den europaweiten Standard für Neubauten. Bis 2050, so das erklärte Ziel der Bundesregierung, sollen Gebäude komplett klimaneutral werden. Und das heißt nichts anderes, als dass sie den Großteil der erforderlichen Energie selbst erzeugen und, falls vorhanden, überschüssigen Strom in das Netz speisen. Also auch hier: Kreislaufprinzip.


Fazit

„Es reicht nicht, langsamer in die falsche Richtung zu gehen, es ist notwendig, sich umzudrehen, um die richtige Richtung einzuschlagen.“ Mit diesem Satz bringt William McDonough, bekannt für seinen Einsatz zur Nachhaltigen Entwicklung und Mitbegründer des Cradle-to-cradle-Prinzips, die Herausforderungen eines neuen Zeitalters auf den Punkt. Alle Märkte, alle Umwelten, alle Wirtschaften, alle Werte stehen auf dem Prüfstand. Wir alle stehen als Weltgemeinschaft vor einer Mammutaufgabe, die nur global funktionieren kann. Technologisch. Gesellschaftlich. Mental. „Ökologie ist kein Luxus, sie muss Werte erzeugen“, wie Rolf Mauer im gleichnamigen Artikel vom 5. Februar 2018 für architekturzeitung.com schreibt. Das fängt bei einem neuen Umweltbewusstsein an und hört mit innovativen, natürlichen Materialien oder dem Baustoffrecycling längst nicht auf.

Auf Sand gebaut?

Die weitreichenden Folgen von Ressourcenverschwendung und damit die Notwendigkeit eines gemeinschaftlichen Umdenkens wird an einem einfachen Beispiel aus der Baupraxis anschaulich: Sand ist wichtigster Bestandteil von Stahlbeton und damit das Fundament für Straßen, Häuser und Brücken. Allerdings verbrauchen Bauvorhaben weltweit so viel Sand und Kies, dass der Rohstoff bereits knapp wird und sich maritime Ökosysteme durch den Abbau verändern. Das hat auch Auswirkungen auf andere Industrien, da Sand in zahlreichen Produkten wie Zahnpasta, Papier, Mikrochips, Arzneimitteln, Kosmetika oder Solarzellen steckt. Ein nachhaltiger Gebäudebau erfordert daher den Einsatz alternativer Baumaterialien ebenso wie ein sinnvolles Baustoffrecycling.