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Reparieren als Chance

Das Handwerk gegen den Wegwerftrend

Repair-Cafés gehören in die private DIY-Ecke? Weit gefehlt. Gerade in Zeiten von Ressourcenknappheit und „Fridays for Future“-Bewegung hinterfragen immer mehr Menschen ihr Konsumverhalten. Hier können sich, je nach Schwerpunkt und Gewerk, auch Handwerker profilieren. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Handwerk und Reparatur – ökonomische Bedeutung und Kooperationsmöglichkeiten mit Reparaturinitiativen.“

Der technische Fortschritt, so scheint es, macht Reparaturen überflüssig. Ganze Industrien leben vom Wegwerftrend und machen es Handwerkern schwer, wirtschaftlich zu reparieren – nur noch 21 Prozent der Umsätze im Handwerk entfallen auf Reparatur-, Wartungs- und Montageleistungen. Doch es gibt einen Gegentrend, nämlich „eine wachsende Gruppe von potenziellen Kunden, die Wert auf Nachhaltigkeit legen“, erklärt Tobias Brönneke, Leiter des Kompetenzzentrums Verbraucherforschung und nachhaltiger Konsum (VUNK) an der Hochschule Pforzheim, im Gespräch mit Kristina Wollseifen für handwerk-magazin.de. Und die ist bereit, für Reparaturen Geld auszugeben.

„Handwerk und Reparieren, das gehört doch zusammen.“
Detlef Vangerow, Radio- und Fernsehtechnikermeister, am 12.07.2019 im Interview mit Kristina Wollseifen für handwerk-magazin.de

Reparieren lohnt sich nicht?

Reparaturdienstleistungen besitzen laut der genannten Studie für das Umweltbundesamt vom Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk eine gewichtige ökonomische Relevanz für das deutsche Handwerk. Besonders häufig übernehmen Kleinbetriebe mit maximal vier Mitarbeitern reparierende Arbeiten. Am Gesamt-Reparaturumsatz haben Handwerksbetriebe einen Anteil von etwa 44 Prozent, wobei der Reparaturanteil an nicht baurelevanten Produkten überdurchschnittlich hoch ist. Doch auch das Baugewerbe ist mit Reparaturen von elektrischen Ausrüstungen – Stichwort Smarthome oder Gebäudetechnik – mit Schreinern sowie Metallhandwerkern vertreten. Die Potenziale? Längst nicht erschöpft. Vielleicht müssen Handwerker nur fokussierter sein, um sich einen Markt zu erschließen.

Hohes Kooperationspotenzial

Tatsächlich machen sich immer mehr Reparatur-Initiativen daran, die Reparaturkultur wiederzubeleben. Mit Erfolg: Waren es 2009 nur vereinzelte Repair-Cafés, haben sich mittlerweile über 800 Bündnisse am deutschen Markt etabliert. Eine Trendwende, von der Handwerker profitieren können, denn wer repariert, so Brönneke, betont damit nicht nur den Wert eines handwerklich erstellten oder fachmännisch ausgewählten Produktes, er bindet auch Kunden langfristig an sich. Dabei sei die Sorge, dass Handwerksbetriebe und Reparaturinitiativen in Konkurrenz treten und um die Gunst der Kunden wetteifern müssten, unbegründet. Vielmehr, so das Ergebnis der zitierten Studie, bieten sich spannende Kooperationsmöglichkeiten:

Reparieren ist nachhaltig, werthaltig und effizient. © AdobeStock

Handwerker und Initiativen sehen hohes Potenzial für Kooperationen.

Nach möglichen Anreizen für Reparatur-Dienstleistungen befragt, sind entsprechende Initiativen vor allem von idealistischen Motiven getrieben. Beim Handwerk wiederum herrschen Gründe wie Neukundengewinnung und Umsatzsteigerung vor. Beide Seiten sehen Schnittmengen: Die Akteure könnten sich besser vernetzen, ihr Wissen digital weitergeben und gemeinsam an der Sichtbarkeit der Thematik arbeiten. Vorstellbar sind Workshops, Reparatur-Siegel und Nachwuchswerbung. Letztere ist neben Umsatzsteigerung gerade für Handwerksbetriebe extrem chancenreich. Die Studienautoren empfehlen klar, „Reparatur und Nachhaltigkeit“ verstärkt zu thematisieren, um Auszubildende zu gewinnen und für Reparaturen in Ausbildungsstätten zu werben. Auch die Entwicklung von Kooperationsformaten durch Verbände und Kammern wird als aussichtsreich hervorgehoben. Zudem könnte das Engagement im Bereich Reparatur genutzt werden, um beispielsweise die lokale Kundenbindung und -gewinnung zu verbessern. Auf diese Weise könnte auch der wachsende Einfluss durch von der Industrie bereitgestellten Internetplattformen für das Handwerk kompensiert werden.

„Wer jetzt Kunden über Reparatur- und Wartungsleistungen an sich bindet, muss in Zukunft weniger fürchten, dass Kunden Hilfe bei Handwerksportalen im Netz suchen.“
Tobias Brönneke vom Kompetenzzentrum Verbraucherforschung und nachhaltiger Konsum am 12.07.2019 für handwerk-magazin.de

Handwerk for Future

Image, Haltung, Kundenbindung und Kundengewinnung – da immer mehr Verbraucher Produkte nachhaltiger nutzen wollen, lohnt es sich, aktiv für eine Reparatur-Kultur zu werben und damit in die Zukunft des eigenen Geschäfts zu investieren. Denn „wer jetzt Kunden über Reparatur- und Wartungsleistungen an sich bindet, muss in Zukunft weniger fürchten, dass Kunden Hilfe bei Handwerksportalen im Netz suchen“, erklärt Tobias Brönneke.

Mehr erfahren: Die zitierte Studie „Handwerk und Reparatur – ökonomische Bedeutung und Kooperationsmöglichkeiten mit Reparaturinitiativen“, durchgeführt für das Umweltbundesamt vom Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh Göttingen), ist unter www.umweltbundesamt.de/publikationen/handwerk-reparatur-oekonomische-bedeutung verfügbar.