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Top-Thema

Ein Megatrend

GESUND BAUEN, WOHNEN, ARBEITEN

Ernährung, Sport, Work-Life-Balance – Gesundheit ist längst zum Synonym für ein gutes Leben geworden. Ein Megatrend, der sich in der bewussten Auseinandersetzung mit dem Thema spiegelt. Und einmal mehr auf die gesamte Lebenswelt ausstrahlt – Wohnkomfort und -gesundheit eingeschlossen. Genau hier liegen Chancen für die bauliche Zukunft.

Gesundheit und Zufriedenheit sind Begriffe, die zunehmend gleichgesetzt werden und sich laut Zukunftsinstitut als „zentrales Lebensziel in das Bewusstsein, die Kultur und das Selbstverständnis von Gesellschaften eingeschrieben haben und sämtliche Lebensbereiche prägen“. Damit wird Gesundheit zum wichtigsten Grundstein modernen Bauens. Das ist nur konsequent, immerhin verbringen wir 80 bis 90 Prozent unserer Zeit in geschlossenen Räumen. Bauunternehmer und das Handwerk sind gefragt, sich auf gestiegene Erwartungen und Anforderungen einzustellen: Energieeffizienz, Barrierefreiheit oder Smart Home, Gesundheitsarchitektur, Cradle to Cradle oder Raumluftqualität – das Spielfeld gesunden Bauens ist facettenreich und zunehmend Normalzustand.

Spannungsfeld und Marktchance zugleich

Modernisierung oder Neubau – es geht um Gebäude, in denen sich Bewohner wohl fühlen, bedenkenfrei durchatmen und eine unbeschwerte Zeit verbringen können. Darum, einen Wohn- oder Arbeitsbereich zu realisieren, der nicht nur Standards erfüllt, sondern der individuellen Verantwortung nach einem bewussten, nachhaltigen Lebensstil nachkommt. Zentrale Themen, die weit über den etablierten und mittlerweile sehr strapazierten Begriff der Nachhaltigkeit hinausgehen. Denn häufig werden mit „Nachhaltigkeit“ ausschließlich energetische Standards eines Bauwerks beschrieben. Genau dazu machen die Energieeinsparverordnung und seit 2020 die EU-Gebäuderichtlinie klare Vorgaben: So dürfen seit diesem Jahr nur noch Häuser im Null-Energiestandard gebaut werden. Grundsätzlich ein guter Ansatz, der in der Praxis jedoch Lücken aufweist. Unter dem Deckmantel der Energieeffizienz entstehen immer wieder Gebäude, die mit Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit wenig gemein haben und der späteren Generation ein Müllproblem bereiten. Dabei stellt das Gebäuderecycling nur eine Facette der Problematik dar. Wesentlich drängender ist beispielsweise die Frage nach der Wohngesundheit, doch noch immer wissen nur wenige Akteure am Bau, dass es bis heute beispielsweise keine bindenden Grenzwerte für die Innenraumluftqualität gibt – die tatsächliche Belastung kann damit deutlich höher liegen als an einer viel befahrenen Kreuzung. Speziell die Emissionen aus Bauprodukten wirken sich kritisch aus, da die wirtschaftlich getriebenen verkürzten Bauzeiten genau wie eine immer dichtere Bauweise die Ablüftzeiten einzelner Baustoffe deutlich reduzieren und in eine ungesunde Wechselwirkung miteinander treten. Aus diesem Grund müssen die Baustoffindustrie und das Handwerk lernen, Produkte nicht allein nach bautechnischen Qualitäten und ihrem Preis, sondern eben auch nach deren Emissionen auszusuchen. Wer sich darauf einstellt, nutzt einen klaren Wettbewerbsvorteil, denn Nachfrage und Bedarf nehmen spürbar zu.

Gesundheit hat viele Facetten: Verbaute Materialien spielen eine ebenso große Rolle wie die Gesundheit am Arbeitsplatz. Damit gehen Wohngesundheit und Arbeitssicherheit Hand in Hand. © Adobe Stock

Wohnkomfort dank Barrierefreiheit

Der demografische Wandel treibt die Themen Wohlfühlkompetenz und Gesundheitszufriedenheit zusätzlich voran, schließlich verändert er die bisherigen Anforderungen an Funktion und Form des Wohnens, wobei die Wohngesundheit auch hier Leitmotiv bleibt. Tatsächlich sind barrierefreies und komfortables Wohnen in der Baubranche längst keine Randerscheinung mehr, sogenannte „demografiefeste Produkte“ beispielsweise bringen auf den Punkt, was Barrierefreiheit im Kern meint: Gebäude sollten dank eingesetzter Bauelemente von jungen und alten Menschen gleichermaßen komfortabel und nachhaltig genutzt werden können. Dabei spielen wie lange Zeit missverständlich unterstellt körperliche Einschränkungen nicht die ausschlaggebende Rolle. Vielmehr geht es ganz allgemein um maximale Lebensqualität und um ein komfortables Lebensumfeld. Sogenannte „Universal-­Wohnungen“ können von allen Menschen mit und ohne Einschränkungen sicher und bequem genutzt werden. Und weil sie die baulichen Mindestanforderungen erfüllen und Immobilien dank entsprechender Ausstattung zukunftsfähig machen, lassen sie sich selbst nach langer Nutzung noch wertbringend verkaufen oder vermieten. Ein zusätzliches Argument pro Barrierefreiheit, das immer mehr Bauherren anbringen. Entsprechende Produkte im Universal-­Design übrigens unterstützen diese Bauweise und sind für möglichst viele Menschen ohne Anpassung flexibel nutzbar.


Smarter Leben

Natürlich darf das Thema Konnektivität, sprich intelligente Gebäudetechnik, im Zusammenhang mit einem lebenswerten Wohn- und Arbeitsumfeld nicht vergessen werden. Das Internet der Dinge (IoT) bietet der Bau- und Wohnungswirtschaft immer wieder neue, effiziente Möglichkeiten, Häuser und Wohnungen sicher, komfortabel, zukunftsfähig und flexibel zu gestalten – vor allem gewinnt es in der Bauwirtschaft langsam an Relevanz. Selbst wenn die Skepsis bei vielen Architekten, Ingenieuren, Energieberatern und Heizungsbauern nach wie vor groß ist – dem Digitalisierungstrend kann sich auch die Bauwirtschaft nicht verschließen. Sollte sie auch nicht, die damit verbundenen Potenziale nämlich sind enorm. Ein Forschungsprojekt des Handwerksinstituts itb beschreibt diesen Markt sogar als „Milliardenchance für Handwerksbetriebe“. Kurzum: Der Handwerker der Zukunft ist smart, neue digitale Berufsbilder werden nach und nach Realität.

Bei dieser Transformation unterstützen die Handwerkskammern ihre Mitglieder, auch der Smart-Home-Leitfaden des RKW Kompetenzzentrums hilft Planern, Handwerkern und Bauunternehmen, grundlegendes Wissen über Smart Homes zu erwerben und Geschäftsmodelle entsprechend zu modifizieren, damit sie von der innovativen Technologie profitieren und Kunden entsprechend beraten können. Vor allem Menschen, die Wert auf einen modernen Lifestyle und Wohnkomfort legen oder ihren Energieverbrauch optimieren wollen, fühlen sich von dieser Technik besonders angesprochen. Knapp zwei Drittel der Deutschen sind sogar davon überzeugt, dass sich intelligente Technologien langfristig durchsetzen und schon bald so selbstverständlich sein werden wie das Smartphone.

„Obwohl den meisten Menschen das Thema Gesundheit heute wichtig ist, vermuten nur rund 40 Prozent, dass auch von den eigenen vier Wänden gesundheitliche Belastungen ausgehen könnten.“
Heinze, Online-Befragung bei Bauherren/Modernisierern, Januar 2014

Gesund leben – gesund werden

Dass sich der Gesundheitstrend auf allen gesellschaftlichen Ebenen etabliert, wird an der generellen Entwicklung im Gesundheitsbau einmal mehr deutlich. Auch wenn das Healthcare Design lange Zeit ein Nischendasein in der Baubranche fristete, letztlich haben das wachsende Bedürfnis nach Gesunderhaltung sowie die Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit das Verständnis von Gesundheitseinrichtungen und die damit verbundenen Ansprüche transformiert. Inzwischen ist klar: Architektur und Design können die physische wie psychische Gesundheit von Menschen positiv beeinflussen. In der gesamten Healthcare-­Branche – von der Pflege­einrichtung über Arztpraxen bis hin zum Krankenhaus – liegt ein enormes Innovationspotenzial, was Gestaltung und Ausstattung betrifft. Faktoren wie Hygiene, Lärm, Licht, Stimmung und Raumluftqualität beeinflussen die Konzeption von Gesundheitsbauten und tragen, entsprechend integriert, wesentlich zur Wohlfühlatmosphäre bei. Das birgt, wie der gesamte Themenkomplex, auch wirtschaftliche Chancen für das Bauwesen, weshalb die sogenannte Healing-Architecture immer mehr in den Fokus rückt.

Mehr Gesundheit, mehr Zufriedenheit

Das Thema „Gesundheit und Zufriedenheit“ ist nicht starr umrissen, es schließt die Qualität am Arbeitsplatz selbstverständlich mit ein. Heutzutage sind Produktivität, Mobilität und Flexibilität Arbeitsbedingungen, die eine hohe Anpassungsfähigkeit erfordern, neue Technologien bringen in immer kürzerer Zeit neue Herausforderungen mit sich. Um mithalten zu können, stellen viele Beschäftigte ihre Arbeit in den Lebensmittelpunkt. Experten nennen das "Entgrenzung": Erhöhte Eigenverantwortung und die steigende Komplexität der Berufsanforderungen führen dazu, dass die Grenzen zwischen Job und Privatleben verschwimmen. Die Folge ist Stress, psychische Erkrankungen sind immer häufiger der Grund für Fehlzeiten und den frühzeitigen Einstieg in das Rentenalter. Prävention und die Förderung der psychischen Gesundheit als Teil eines nachhaltigen betrieblichen Managements gewinnen an Bedeutung, denn dass zufriedene Mitarbeiter deutlich gesünder sind, weniger Krankentage melden und zudem produktiver arbeiten können, ist längst erwiesen.

Doch wo fängt Gesundheit am Arbeitsplatz an? Im Prinzip ist Gesundheit immer eine Liaison aus vielen Faktoren, die körperliche Sicherheit, etwa auf der Baustelle, ebenso bedeutsam wie die psychische Gesundheit. Letztere ist eng mit einem positiven Führungsstil und den menschlichen Fähigkeiten der Geschäftsleitung verknüpft. Denn nichts kann die Stimmung so vergiften und damit das persönliche Wohlfühl­barometer so aus der Balance bringen wie Machtmissbrauch, Unaufmerksamkeit oder eine schlechte Feedbackkultur. Wertschätzung des Einzelnen als Mensch, Achtsamkeit gegenüber unterschiedlicher Fähigkeiten und Bedürfnisse, eine transparente Kommunikation sowie eine angemessene Entlohnung sowie Perspektiven leisten einen unbezahlbaren Beitrag zu einer guten Unternehmenskultur. Zu diesen weichen Faktoren gesellen sich natürlich eine ganze Reihe weiterer Aspekte, die je nach Branche und Unternehmen fein austariert sein sollten. Dazu zählen zum Beispiel ein modern und ergonomisch ausgestatteter Arbeitsplatz, hochwertiges und handliches Arbeitsgerät oder passende Berufskleidung.


Fazit: Ein Megatrend mit Perspektive

Wohngesunder Lebensraum statt einfach nur Wohnraum: Wer sich mit diesem Trend auseinandersetzt, wer sich und sein Team entsprechend qualifiziert, der nutzt nicht nur die Chance, seine Arbeit und deren Ergebnisse nachhaltig und dauerhaft zu verbessern, sondern erschließt sich auch das Potenzial neuer Märkte und Kundenkreise.

Gesund bauen, was heißt das?

Die Baubiologie beschäftigt sich mit den Einflüssen der bebauten Umwelt auf ihre Bewohner, die Ökologie ist ein wichtiger Teilaspekt. Das Ziel: ein unbelastetes, naturnahes Lebensumfeld zu schaffen, indem ein gutes Raumklima und eine angenehme Wohnqualität (thermische Behaglichkeit, relative Feuchte, Raumluftqualität) und ausgewogene Lichtverhältnisse zwischen Tag- und Kunstlicht vorherrschen. Weitere Kriterien sind die Vermeidung chemischer Wohngifte, mikrobiologischer Belastungen, Elektrosmog und Lärm.