© ZDH/Werner Schüring
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Produkte & Projekte

Das Handwerk

Kann nur gemeinsam wachsen

78.000 von 364.000 Lehrlingen im Handwerk sind weiblich. Jede fünfte Meisterprüfung legt eine Frau ab. Jede vierte Gründung im Handwerk erfolgt durch eine Frau. Tendenz: sinkend. Dass das Handwerk händeringend Nachwuchs- und Führungskräfte braucht, ist kein Geheimnis. Dass der Frauenanteil dabei fällt, fatal. Die Branche sucht Vorbilder – die Tischleria aus Berlin ist eines.

Ob als Unternehmerin, Meisterin, Gesellin oder Azubi – Frauen tragen in allen Bereichen zum Erfolg des Handwerks bei. Heutzutage startet eine junge Generation gut ausgebildeter Frauen mit ganz neuen Perspektiven in die moderne, zunehmend digitale Handwerkswelt. Wenn man sie lässt. Der seit einigen Jahren wieder rückläufige Trend beim Frauenanteil hat laut Professor Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), nämlich vor allem einen Grund: Die vorherrschende Betriebskultur sei noch sehr ‚männlich’ geprägt. Gerade jungen Frauen falle es damit schwer, die eigene berufliche Zukunft im Handwerk zu sehen – auch wenn sie grundsätzlich an handwerklichen Tätigkeiten interessiert seien. Vielmehr wäre ein Klima hilfreich, das erkennen lässt, dass Frauen als Teil der Belegschaft willkommen und auch als Unternehmerinnen im Handwerk sehr erfolgreich sind.

„Immer weniger junge Frauen beginnen eine Lehre im Handwerk. Damit die Zahlen wieder steigen, braucht es einen Kulturwandel bei den Betrieben.“
Prof. Dr. Hubert Esser, BIBB Präsident, gegenüber dem Handwerksblatt, August 2019

Gutes Klima kennt keine Kompromisse

Dieses Klima haben Christina Pech und Jule Kürschner, Gründerinnen der Tischleria GmbH, geschaffen, auch wenn sie es sich zunächst hart erarbeiten mussten. Leitend war die gemeinsame Vision, keine Kompromisse einzugehen. Jedes Möbelstück und jede Küche kreativ, individuell und mit maximaler Sorgfalt zu gestalten. Ohne Abstriche an Qualität oder Preis zu machen. Und unter Berücksichtigung ökologischer und sozialer Aspekte. Mit Spitzenprodukten "made in Germany" haben sie sich von Anfang an ganz klar positioniert und von anderen Betrieben abgehoben.

Überzeugung heißt dabei auch, einer Arbeit nachzugehen, weil man sie unbedingt machen will. Und diesen Spirit bewusst weiterzugeben. Kurzum, ein Klima zu schaffen, das den gesamten Betrieb durchzieht. Dazu gehört eben auch, Vorbild zu sein, Wissen und Werte nicht nur zu leben, sondern auch zu teilen. Deshalb musste auch der Meisterbrief her. Nur so können die Tischlerinnen ausbilden und das vermitteln, was ihnen selbst am Herzen liegt. Mit Erfolg.

Aktuell werden sie von drei Gesellinnen und zwei Auszubildenden unterstützt. Ihr Credo: nahbar bleiben. Authentisch und offen. Im Gegenzug profitieren sie, dank einer wertschätzenden Unternehmenskultur, von dem offenen Geist der Mitarbeiterinnen.

Das unterscheidet sie vielleicht von manch anderem Betrieb, wo der Azubi öfter Kaffee holt, als dass er sich kreativ einbringen darf. Oder kritisch. In der Tischleria wird Wissen über alle Ebenen geteilt, Hierarchien bleiben bewusst flach.

„Weil Handwerk auch Kopfwerk und Seelenwerk ist. Zusammen­genommen Überzeugungswerk.“
Cornelie Barthelme dokumentiert die Tischleria im ZDH Jahrbuch 2016

Gutes Klima heißt auch: auf Augenhöhe

Wer eine solch starke Vision vertritt, der führt einen Betrieb auch anders. „Bei uns wird nicht gebrüllt, weil wir achtsam miteinander umgehen“, sagt Jule Kürschner im ZDH-Jahresbericht 2016. Dazu gehört auch ein gemeinsames, hochwertiges Frühstück, gemeinsames tägliches Kochen und Werkstatt-Putzen. Niemand erhebt sich über den anderen, die Arbeitszeit der Chefinnen ist nicht wertvoller als die der Lehrlinge. "Die halten mir den Rücken frei, kreativ zu sein beim Planen. Dafür haben sie dann die Freude, kreativ arbeiten zu lernen."

Anders machen – weiterkommen

In den kommenden Jahren werden rund 135.000 Handwerksbetriebe in neue Hände übergeben, Führungskräfte dringend gesucht. Gute Zeiten also für Unternehmerinnen und Frauen, die sich selbstständig machen wollen. Doch ganz gleich, wie das Handwerk zukunftsfähig werden kann, eines ist klar: Es kann nicht länger um Zuschreibungen wie „typisch männlich“, „typisch weiblich“ gehen. Sondern nur darum, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Professionalität, Wertarbeit und Kompetenz nicht an einem Chromosom festzumachen, sondern an der Leistung. An der Vision. Das braucht einen Kulturwandel. Und den müssen alle gemeinsam mitgehen. Oder, wie Friedrich Hubert Esser betont: "Beide Seiten müssen sich aufeinander zubewegen."

Lesetipp

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